Von: Jutta Wagner

Vom: 27.02.2002


Frage: 
Ich trinke normalerweise nur duchgegorene rote und weiße Weine, die ich mir bei meiner Weingärtnergenossenschaft hier aus Württemberg oder bei meinen Reisen in Italien kaufe (immer dem Johnson nach...). Neulich ließ ich mich von einen hiesigen Weingärtner, der als Senkrechtstarter im Remstal gilt, zu einem halbtrocken Roten überreden. Danach war nichts mehr wie vorher! Ich fand meine trockenen Weine tot und fad, konnte kein Bukett finden und schmeckte gar nichts mehr! Ich sah mich schon in Gedanken mein Vorräte ausgießen. Erst nachdem ich wieder eine ein, zwei Flaschen der Trockenen getrunken hatte, kam der Genuß und das Vergnügen zurück. Kann es sein, daß sich der Geschmack so täuschen läßt? Oder bin ich einfach nicht erfahren genug, d.h. fehlt mir noch sehr viel Weinwissen?

Antwort: 
Das Phänomen kenne ich - wenn auch auf einer anderen Qualitätsebene. Das passiert auch erfahrenen Verkostern. Wenn man z.B. eine umfangreiche Verkostung mit hochwertigen, sehr schweren, extrakt- und alkoholreichen Weinen aus der Neuen Welt, hyperkonzentriert und daher auch süss schmeckend (ohne Restzucker zu enthalten)absolviert hat, ist der Gaumen völlig irritiert wenn man z.B. rel. leichte, feingliedrige Bordeauxweine verkosten soll. Nach einer grossen Raritätenprobe brauchen auch Profis manchmal ein, zwei Tage Abstand, um wieder auf den Boden zu kommen. Der menschliche Geschmackssinn lässt sich leicht überlisten. Um zwischen Weinen verschiedener Geschmacksrichtung (süss oder säurebetont, reich an Gerbstoffen oder mild) hin- und herspringen zu können, gehört schon sehr viel Erfahrung, Konzentration und Selbstdisziplin. Aber man kann das natürlich üben. Vielleicht war ihr kleines Aha-Erlebnis ja nur der Anfang für weitere Selbstexperimente.